Internet-Challenges zum Nachahmen

Posted 09/03/2021 by Dirk Ritschel

Messwerterfassung unterstützt verständnisorientierten Zugang

Seit Jahren sind sie als Phänomen der digitalen Kultur auf YouTube oder anderen Videoplattformen zu finden: die sogenannten Internet-Challenges. Dahinter verbergen sich Videos, in denen sich Personen filmen, während sie vermeintlich oder tatsächlich risikobehafteten Handlungen nachgehen. Die bekannteste ist wohl noch immer die Ice-Bucket-Challenge: sich einen Kübel Eiswasser über den Kopf schütten, Geld zur Erforschung und Bekämpfung der Krankheit ALS spenden und weitere Personen herausfordern, es nachzumachen – darum ging es.

Für die Arbeitsgruppe von Professor Markus Prechtl an der Technischen Universität Darmstadt sind es nicht diese Spendenkampagnen, die für die chemiedidaktische Forschung von besonderem Interesse sind, sondern eine spezielle Untergruppe: die substanzbezogenen Internet-Challenges.

Genutzt werden Nahrungsmittel wie Zimt­pulver, Speisesalz oder Chillischoten, haushaltsübliches Waschmittelkonzentrat oder ein beliebiger Deo-Spray. Diese Substanzen werden über Haut, Mund, Nase oder Augen aufgenommen. Oft genug spielen die Probanden dabei mit ihrer Gesundheit. Und nicht selten ist die erste Reaktion von Außen­stehenden: „Wie kann man nur so blöd sein?!“

Internet-Challenges als junges Forschungsfeld

Internet-Challenges als jugendliche Spinnerei abzutun, das wird dem Phänomen nicht gerecht, ist sich Julia Werthmüller, Doktorandin in der Arbeitsgruppe von Professor Prechtl, sicher. Noch ist dieser Themenbereich in der Forschungslandschaft recht jung. Klar, Mutproben, die gesundheitsgefährdend sein können, hat es schon immer gegeben und wurden hinreichend beforscht. Neu ist der medienpädagogische und -psychologische Aspekt, denn dank Inter­net erfährt jetzt die ganze Welt davon. Zumindest, sofern man sich dafür interessiert. Hier besteht aus Sicht der Fachdidaktiker*innen eine konkrete Aufgabe für Lehrerinnen und Lehrer, da Gefahrenpotenziale der Challenges schwierig einzuschätzen sind. Denn das Bild, welches auf YouTube von den Internet-Challenges vermittelt wird, ist nur ein Ausschnitt der Realität Wie bereits von Prechtl diskutiert, war ein Proband eventuell nicht mehr in der Lage, sein missglücktes Experiment zu Ende zu filmen und hochzu­laden oder die Selbstkontrolle der Internetplattformen greift ein: Extrem gefährliche Challenges, bei denen ein unmittelbares Verletzungsrisiko besteht oder bei denen schädliche Substanzen verzehrt werden, sowie Inhalte, die andere zu Gewalttaten ermutigen, sind auf YouTube nicht erlaubt. Aus den gerade noch mal gutgegangenen Experimenten zu schließen, dass es immer glimpflich endet, ist leider falsch.

 

Fachdidaktische Reflexionen aus Sicht der Gesundheitsförderung und Medienbildung

„Mit der Thematisierung von Internet-Challenges ergeben sich deutliche Bezüge zur Medienbildung, da es sich um ein soziales Verhalten handelt, das eine Teilhabe an einer digitalen Kultur ermöglicht“, so schreibt Julia Werthmüller. Ziel der Forschungsarbeit am Lehrstuhl von Professor Markus Prechtl ist es, Kenntnisse und Einordnungen von Chemielehrerinnen und -lehrern bezüglich Internet-Challenges zu untersuchen und hieraus Konsequenzen für die Gesundheits- und Medienbildung im Chemieunterricht abzuleiten.

Was den Forschungsansatz der Fachdidaktik Chemie der TU Darmstadt von anderen Untersuchungen zu Internet-Challenges unterscheidet, ist die Einbindung der naturwissenschaftlichen Perspektive: ein Verständnis dafür, welche biochemischen Prozesse und Wirkmechanismen bei der Durchführung einer Challenge eine Rolle spielen.

 

Internet-Challenges als Gemeinschaftserlebnis, Interaktion und Trendsetter

Beispielsweise einen Esslöffel Zimtpulver schlucken: warum soll jemand so etwas tun? Okay, man darf nichts dazu trinken – aber das soll die Herausforderung sein? Beides lässt sich er­klären. Zimtpulver trocknet augenblicklich Mund und Rachen aus, was das Schlucken erheblich behin­dert – das ist schon mal Herausforderung Nummer eins. Herausforderung Nummer zwei: dabei keines­falls das Pulver einatmen, denn das verursacht im günstigsten Fall einen heftigen Hustenreiz – wie lustig! Unter Umständen sind aber auch akuter Sauerstoffmangel, allergische Reaktionen oder Lungen­entzündungen die Folge, denn das pudrige Gewürz zeigt erst unter dem Mikroskop seine faserige Struktur, die sich in den Bronchien festsetzt. Feinstaub to go! Und da ist noch der Aroma- und Duftstoff Kumarin, bei dem die Dosis das Gift macht. Eines der eigentlichen Motive für diese Form des Internet-Spaßes sieht Julia Werthmüller ganz woanders: Mitmachen heißt Teil einer weltweiten Community zu sein. Mitmachen heißt aber auch, sich durch individuelle Inszenierung der Challenge von den anderen abzuheben. Erst wenn die Exklusivität der Heraus­forderung in Mainstream umschlägt, fängt es an, wieder uninteressant zu werden. Insofern ist die Zimt-Challenge, die um das Jahr 2012 die Runde machte, schon wieder mega-out, findet dennoch immer wieder Nachahmer. Doch keine Sorge, die Ideen gehen der nachwachsenden jugendlichen Community nicht aus (als Hausaufgabe für Interessierte: Recherche zur Bird-Box-Challenge, die ist erst gut 2 Jahre alt).

Internet-Challenges als Schulprojekt

Gemeinsam mit Frank Liebner, Leiter der T3 Arbeitsgruppe Chemie, hat Julia Werthmüller dieser Tage ein Material veröffentlicht, welches Lehrerinnen und Lehrern helfen soll, das Thema Internet-Challenges in den naturwissenschaftlichen Unterricht oder in Projektarbeiten zu integrieren. Die Entstehungsgeschichte des Materials ist dabei eine Kette besonderer Fügungen. Kurze Rückblende: Weil Professor Prechtl an jenem Wochenende im Mai vorigen Jahres kurzfristig verhindert war, an dem er den von der MNU-Tagung in Hamburg bekannten und begeisternden Vortrag den T3 Instruktoren in Berlin halten sollte, empfahl er wärmstens seine Doktorandin, die mit diesem Thema mindestens so gut vertraut ist. Als dann im Frühjahr 2020 ein Virus nicht nur Präsenzveranstaltungen des Lehrerfortbildungsnetzwerkes in den Lockdown zwang, trafen sich die T3 Lehrerinnen und Lehrer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz virtuell und der Vortrag wurde online gehalten. Die Reaktionen der Teilnehmenden: durchweg positiv und vor allem überrascht, weil man diesen Zweig der Netzkultur schlicht nicht im Auge hatte. Frank Liebner erkannte sofort das Potential, dieses Thema mit sensorgestützten Experimenten zu verbinden. „Wer selbst unter Einsatz von Sensoren das Zusammenspiel verschiedener Faktoren untersucht und Regelmäßigkeiten selbst reproduziert, der gewinnt ein tieferes Verständnis für naturwissenschaftliche Phänomene und der argumentiert auch fundierter“, so die Intention des engagierten Chemielehrers.

 

Entstanden ist ein spannendes Material, welches in Projektarbeit in der Schule umgesetzt werden kann. Entwickelt wurden Fragebögen, in denen Schülerinnen und Schüler zu Beginn und am Ende des Projektes (elektronisch oder auf Papier) ihre Einstellungen zum Thema Internet-Challenges reflektieren. Dazu gibt es Informationen zu einem der wichtigsten Organe – der Haut – und zu Verletzungsrisiken durch Chemikalien, Kälte oder auch Unterdruck. Dazu wurden 6 Experimentieranleitungen entwickelt, die im Stationenbetrieb von den Schülerinnen und Schülern durchgeführt werden sollen.

Erstmalig vorgestellt wurde das Workshopkonzept kürzlich während des online durchgeführten Schulleiter-Kongresses des Vereins mathematisch-naturwissenschaftlicher Excellence-Center an Schulen, kurz MINT-EC. Auch der diesjährige Bundeskongress des MNU kommt um ein Online-Format nicht umhin. Das Video-Konferenzsystem des Veranstalters gestattet nur 100 Teilnehmer, also musste für diesen Workshop eine Warteliste eingerichtet werden. Auch eine Form von Internet-Challenges!

Material zum Download: „Ein neuer Wahnsinn aus dem Internet!?”

Informationen zur TU Darmstadt, Arbeitsgruppe Fachdidaktik Chemie